Unaufhaltsam frisst sich der Schaufelradbagger durch die Erde und nähert sich Tag für Tag dem kleinen Dorf Otzenrath. Garzweiler II heißt der Braunkohle Tagebau, dem das Dorf zum Opfer fallen wird. Insgesamt 8000 Menschen leben auf der Linie des Baggers, 1600 davon in Otzenrath. Sie alle müssen in neue Dörfer umziehen, die erst gebaut werden. So gibt es im Moment zwei Dörfer mit dem Namen Otzenrath, ein altes und ein neues Dorf. Garzweiler II ist ein Jahrhundert-Projekt. Bis 2045 soll hier Braunkohle abgebaut werden, weitere 40 Jahre dauert die Renaturierung der zerfressenen Landschaft. Bei der Verbrennung der hier geförderten Braunkohle werden 1,3 Mrd Tonnen des Treibhausgases CO² freigesetzt. Und der Nutzen? Was rechtfertigt diesen gewaltigen Eingriff in die Natur und in das Leben der 8000 Menschen? Die Bewohner von Otzenrath ziehen bereits in ihre neuen Häuser während ihre alte Heimat abgerissen wird. Alles, was davon bleibt, sind die Erinnerungen an das alte Dorf.
| Otzenrath ist das erste Dorf, das dem Tagebau zum Opfer fallen wird. Keine 50 Meter trennen die Ortsgrenze von der Abbruchkante. Mitten durch den Ort schlängelt sich die Marktstraße. An ihr liegen die evangelische- und die katholische Kirche, außerdem ein altes Rittergut. Dies ist der älteste Teil des etwa 800 Jahre alten Dorfes. Beschaulich sieht die Marktstraße auf den ersten Blick aus - wäre da nicht diese Totenstille. Hin und wieder fährt ein Auto durch den Ort, doch Menschen sieht man nur noch vereinzelt auf der Straße. Fast alle Häuser in Otzenrath stehen leer. Eine gespenstische Ruhe liegt über dem Ort. |


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|  Protest in Otzenrath und anderen betroffenen Dörfern.
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| Die Menschen von Otzenrath müssen umsiedeln. An anderer Stelle - etwa sieben Kilometer entfernt - entsteht ein neues Dorf Otzenrath/Spenrath. Die meisten sind bereits umgezogen. Doch einige leben noch in ihren alten Häusern. Es war ein harter Kampf, den sie gefochten haben. Gut 15 Jahre hatten sie sich gegen den Tagebau und damit gegen den Energiekonzern RWE gewehrt. Ohne Erfolg. Viele von ihnen wurden in Otzenrath geboren, haben nie etwas anderes kennengelernt. Es war nicht nur ihr zu Hause, es war ihre Heimat. Das schlimmste sei die eigene Hilflosigkeit gewesen, erzählt ein Mann, der namentlich nicht genannt werden will. "Wir sind alle einfache Leute und stehen einem großen Konzern allein gegenüber", sagt er und die Ratlosigkeit steht ihm wieder ins Gesicht geschrieben. Unabhängig von einander erzählen zwei Frauen mit Entsetzen von dem Tag, als die Arbeiter des Tagebaus mit Bussen nach Otzenrath kamen. Bei einer Demonstration machten sie die Dorfbewohner für die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze verantwortlich. "Psychoterror pur", urteilt eine. "Sie kommen 15 Jahre zu spät mit dieser Reportage", fährt mich eine andere Frau an. Wütend, verzweifelt und unter Tränen erzählt sie, wie um sie herum alles abgerissen wird, um den Druck auf sie zu erhöhen. Rigeros würde die angrenzende Bebauung weggerissen und ihr Grundstück stünde damit zu allen Seiten offen. Diebe und Plünderer nutzen dies schamlos aus. Sie lebt in einem schönen Klinkerbau auf einem Grundstück mit großen, alten Bäumen. Vier Generationen hätten das Grundstück auf dem sie lebe so geschaffen, wie es heute sei und nun kommen die Abrissbagger täglich näher. Viele sind erschöpft, wenn es um das Thema RWE, Tagebau, Umsiedlung geht. Sie wollen nicht mehr darüber reden und sind froh, wenn es irgendwann einfach vorbei ist. Es sei eine pure Illusion, sagt ein Rentner, der mit den Tränen kämpft, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gäbe. Der Konzern setze seine Interessen rigeros durch. Danach drehte er sich um und ging. |

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|  Margarete Mehl, Kreistagsabgeordnete
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Auch Margarete Mehl kann sich nicht einfach mit dem Verlust ihrer Heimat abfinden. Sie hatte jahrelang in Düsseldorf gearbeitet und war nun in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Doch diese Heimat wird nun abgerissen. Sie sitzt viel in ihrem Garten, den sie über alles liebt. Demnächst kommt auch für sie der Tag, an dem sie ihr Grundstück verlassen muss. Es ist ein Abschied auf Raten, sagt sie. Man macht zum letzten Mal dieses, zum letzten Mal jenes. Sie ist eine resolute Frau, die sich einmischt. Für die Grünen sitzt sie im Kreistag und will wissen, welche Auswirkungen der durch den Tagebau verursachte Feinstaub hat.

Dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland gehört in Otzenrath ein Grundstück, auf dem etwa 100 Obstbäume stehen. Das Grundstück wurde an strategisch günstiger Stelle gekauft - genau am Übergang vom Tagebauloch "Garzweiler I" zum zukünftigen Loch "Garzweiler II". Verkaufen wollen die Umweltschützer das Grundstück nicht. Vor kurzem wurden sie daher zwangsenteignet. Dagegen wollen sie notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht klagen. Der Tagebau sei umweltpolitisch und energiepolitisch eine Katastrophe, sagt Dirk Jansen. | |

Dem vom BUND kritisierten CO²-Ausstoß will RWE mit einem ganz neuen Kraftwerk begegnen. Minimale Emission verspricht Dr. Lars Kuhlig, bei RWE zuständig für energiepolitische Fragen. "Garzweiler II" sei zu verantworten, sagt Kuhlig, weil Braunkohle nach wie vor einen hohen Stellenwert bei der Energieerzeugung habe. 15% des Stroms in Deutschland kämen aus Kohlekraftwerken. Damit sei die Braunkohle nicht zu ersetzen. Kulig betont die die besten Absichten für Mensch, Umwelt - und Wirtschaft.

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|  Heinz Kunze, Umsiedlungsbeauftragter der Gemeinde Jüchen
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Eigentlich muss der Bergbautreibende für die gesamten Kosten der Umsiedlung und der Neuordnung der Infrastruktur aufkommen. Fragen nach der Wirtschaftlichkeit dieser Maßnahme drängen sich förmlich auf. Die Otzenrather sagen, es werde sich schon rechnen, denn sonst würde RWE es ja nicht machen. Heinz Kunze hat Einblick in die Vorgehensweise des Konzerns. Der Neubau des Dorfes, sagt er, stelle einen grundlegenden Wertzuwachs dar. Deswegen wird das Projekt mit Städtebauförderungsgeldern erheblich bezuschusst. Er selbst war von der Umsiedlung betroffen, als "Garzweiler I" kam. Daher wollte er seine Erfahrung und sein Können bei dieser neuen Umsiedlung mit einbringen.

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|  Herman-Josef Weidemann (oben) und Gert Behr (unten)
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80% der Bürger des alten Dorfes sind gemeinsam in das neue Dorf gezogen. Darauf sind sowohl Gert Behr als auch Herman-Josef Weidemann besonders stolz. Auch die RWE-Offiziellen nehmen dies mit Anerkennung zur Kenntnis. Normalerweise sagen sie, zögen nur 65-70% in die neuen Ortschaften. Dieser Verdienst geht an die Dorfgemeinschaft Otzenrath, deren Vorsitzender Weidemann ist. Er erklärt den Zusammenhalt damit, dass das Vereinsleben im Dorf ganz bewusst aufrecht erhalten wurde, damit nicht alle auseinander rennen. Als fest stand, dass der alte Ort abgerissen würde, begannen viele, sich noch intensiver mit seiner Geschichte auseinander zu setzen. Gert Behr gründete einen Geschichtsverein und viele nahmen daran Teil, eine Chronik des Ortes zu erarbeiten. Behr will das, was war, für zukünftige Generationen bewahren, damit die Kinder eines Tages nachvollziehen können, wie der alte Ort ausgesehen hat. Ein bisschen Verbitterung macht sich bei ihnen breit. Alles, was sie am alten Ort hatten, sollten sie am neuen Ort auch wieder bekommen wurde ihnen versprochen. Dazu gehört eine Grundschule, ein Kindergarten, eine evangelische- und eine katholische Kirche und eine Sporthalle.




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|  Angst vor Plünderei. Schilder an der Bäckerei und einem Privathaus im alten Dorf.
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|  Michael Spelthann, li. und Heinz-Peter Clasen, re. von der Polizei Jüchen
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Vandalismus, Einbruch und Diebstahl sind an der Tagesordnung im alten Dorf. Nachts werden die leerstehenden Häuser aufgebrochen und nach verwertbarem durchsucht. Kupferrohre, Badezimmerarmaturen und Gehwegplatten werden entwendet. Die Polizei fährt vermehrt Streife in den Abbruchgebieten, doch verhindern kann sie die Plünderungen nicht. Auch der Werkschutz von RWE fährt hier angeblich zum Schutz des Eigentums Streife. Der Plünderungstourismus zieht Menschen aus allen Teilen Deutschlands an. Der Entsorgungstourismus vermutlich auch und vielleicht die Fürsorge des Energieriesen auch damit zu tun, dass RWE jeglichen Müll, den Fremde hier abstellen, auf eigene Kosten entsorgen muss.

Egal ob Polizei oder Werkschutz, einen kennen sie alle: Dieter Müller-Hennig ist im alten Dorf bekannt, wie ein bunter Hund. Als der Fotograf das erste Mal von Otzenrath hörte, dachte er sich, der Ort müsse dokumentiert werden. Seit dem hat er über 10.000 Bilder gemacht. Straße um Straße, Haus um Haus hat er fotografiert. Dabei ist er mit den Menschen ins Gespräch gekommen und hat sie als Fremder kennengelernt, wie kein anderer. Eigentlich habe derjenige, der die Landschaft so nachhaltig und gravierend verändert die Pflicht, das zu dokumentieren, was hier einmal gewesen ist, sagt Müller-Hennig. Aber außer ihm mache es keiner. |  |  | 
|  Dieter Müller-Hennig, Fotograf
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In der Franz-Rixen-Straße hat Müller-Hennig bereits fotografiert. Hier steht nur noch ein Haus. Seit dem Vorabend stehen Container und ein Bagger vor dem Einfamilienhaus. Ende der sechziger Jahre kam Ludwig Schöpgens nach Otzenrath. Er hatte seine Frau hier kennengelernt. Seit dem ist ihm der Ort ans Herz gewachsen. Er hat sich in den Vereinen und der Kirchengemeinde engagiert. In den Siebzigern haben er und seine Frau das Haus gebaut und nun pflückt der Bagger präzise die Badewanne und die Duschkabine heraus und lässt anschließend die Schaufel gegen die Schlafzimmerwand krachen. Schöpgens schaut mit gemischten Gefühlen zu. 
Seit 12 Jahren arbeitet José Canton auf dem Tagebaubagger. Seit 10 Jahren ist er Baggerführer. Er ist 1,53 Meter groß und hat auf dem Bagger das Komando. Seinen Job mache er gerne sagt er, weil es ein tolles Gefühl ist diesen großen Bagger zu beherrschen. Zwischen vier und sechs Leute arbeiten auf dem tonnenschweren Gerät. In jede der Schaufeln würde ein Kleinwagen passen. Er kann die Menschen in Otzenrath gut verstehen, dass sie ihre Heimat nicht aufgeben wollen. Früher hat Canton mal im Steinkohlebergbau gearbeitet. Von heute auf morgen wurden die Kumpel damals auf die Straße gesetzt und er war froh, dass er den Job im Tagebau gefunden hat. Nun hofft er, dass er möglichst lange hier arbeiten kann. Als die Menschen in Otzenrath protestiert haben und angefangen haben sich gegen den Tagebau zu wehren, da kam die Angst um den Arbeitsplatz wieder. José Canton ist plötzlich ernst geworden. Sonst hat er ein schelmisches Lachen im Gesicht und seine Augen blitzen. Er habe nicht nur um seinen Arbeitsplatz Angst, sagt er. "Ich habe eine kleine Familie und vor einigen Jahren haben wir ein Haus gebaut", sagt er und guckt mich dabei an als wollte er hinzufügen "das verstehen Sie doch, oder?" |  |  | 
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|  José Canton, Baggerführer im Tagebau
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